Der Blog für passivsport-kultur


Es ist Mai 2020 und the struggle is real. Die gesamtgesellschaftliche Dimension der Corona-Pandemie aussen vor, habe ich rasch festgestellt, wie sehr mir in dieser Zeit das Anschauen von Live-Sport fehlt. Seit meiner Jugend verfolge ich nahezu jede Sportart, die mir irgendwie vor die Augen kommt, mal mehr und mal weniger regelmässig und enthusiastisch. Die Sinnfrage dieses Verhaltens stelle ich mir schon lange nicht mehr. Leidenschaft ist halt nun mal irrational. Ihr findet hier alles, was mich rund um die Sportwelt gerade so packt. Was ihr nicht findet ist eine lückenlose Saisonberichterstattung oder vertieftes Expertentum.   

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Sunderland Til' I Die oder was der Wasserkopf des AFC Sunderland mit dem FC Basel zu tun hat

Wer die wunderbare Fussball-Dokuserie «Sunderland til’I die» noch nicht gesehen hat, dem sei empfohlen, die letzten Tage vor der Wiederkunft des Königs Live-Fussball am kommenden Bundesliga-Wochenende, diese Netflix-Produktion zwischen Fussball-Verklärung und hartem Business durchzubingen. Parallelen zu anderen Klubs, wie zum Beispiel zum FC Basel, gibt es dabei zuhauf.

 

Zugegeben, vor der Serie war mir über den AFC Sunderland nicht viel mehr bekannt als dass er ein Arbeiterklub aus dem rauen englischen Norden ist, der ab und zu mal wieder in die Premier League gespült wird und dass der mittelerfolgreiche ehemalige Schweizer Nationalmannschaftsspieler Bernt Haas dort 2002/03 mal eine Saison lang hartes Brot ass (das blieb mir wiederum vor allem darum in Erinnerung, weil Bernt Haas damals eine sehr attraktive Freundin hatte).

Staffel 1 – Der angestrebte Wiederaufstieg mündet im Desaster / starke Identifikation als Fluch und Segen

 

Das Konzept der Serie sah ursprünglich vor, den Premier League-Absteiger von 2017 in der Saison 17/18 ein Jahr lang in der Championship beim Wiederaufstieg zu begleiten. Die Voraussetzungen waren günstig: Der Verein hat breite Fan-Unterstützung, ein Stadion erster Güteklasse und finanzielle Möglichkeiten, wie kaum ein anderes Team in der Championship und mit Chris Coleman bald schon einen Trainer an der Seitenlinie, der die walisische Nationalmannschaft im Jahr zuvor noch sensationell ins Halbfinale der Fussball-Europameisterschaft führte. Missverständnisse, Verletzungsunglück und Wettkampfpech führen dazu, dass kein Puzzle-Teil mehr ins andere passte. Es entwickelt sich schleichend aber unweigerlich ein Desaster, welches die wirtschaftlich gebeutelte Region Sunderland erst recht in ein Tal der Tränen und Frustration stürzt. Die lokale Identifikation findet stark über den Fussballclub statt. Der direkte Abstieg in die dritte Liga ist besiegelt, der Verein wird an ein undurchsichtiges Konsortium verkauft, die Führung aus der Stadt gescheucht.

Staffel 2 – Die fragile Beziehung zwischen Verein und Fans

Anfangs herrscht Skepsis gegenüber den neuen reichen Besitzern und der Geschäftsführung aus dem verhassten Süden. Doch der neue Owner Stewart Donald und der Ex-Journalist und PR-Mann Charlie Methven als Geschäftsführer machen nach der Abstiegs-Tristesse vieles richtig. Exemplarisch wie das Duo mit transparenter Kommunikation und authentischer Leidenschaft für den Fussball und die Geschichte Sunderlands rasch die Herzen der AFC-Fans wieder höher schlagen lassen. Sunderland ist nun das Team mit dem grössten Budget, das je in der League One angetreten ist, der Aufstieg Pflicht. Doch die finanzielle Situation bereitet dem Führungsduo grosse Sorgen. Sie erbten einen Verein, der seit mehreren Jahren massiv über seine Verhältnisse lebte. Zu viele Angestellte, zu hohe Verträge. Schmerzhafte Kürzungen und Kündigungen auf allen Ebenen sind unumgänglich, soll der Konkurs abgewendet werden. Es stellt sich die grosse Herausforderung, den riesig gewachsenen Wasserkopf AFC Sunderland drastisch zu schrumpfen und trotzdem erfolgreich zu bleiben. Denn ein volles Stadion ist zentral für die Sanierung des Vereins. Die Sache endet zum Saisonabschluss wie in einer griechischen Tragödie…  

 

Was hat das nun alles mit dem FC Basel zu tun?

Soviel eigentlich nicht, aber doch mehr als dass der Titel nur Clickbait wäre: Wie die neuen Besitzer des AFC Sunderland erbte FCB-Präsident Burgener eine hochtourige Maschinerie, die ohne Champions League-Einnahmen und hohe Transfererlöse rasch ins Stottern kommt. Das war bei der Stabsübergabe soweit auch allen klar, die Mitglieder verabschiedeten das Burgener-Sparkonzept mit vielen «Baslern» in der Führung und verstärktem Fokus auf den Nachwuchs mit viel Vorschusslorbeeren. Es würde schon klappen, der Verein hat in den Jahren zuvor die Meisterschaft nach Belieben dominiert. Wir alle wissen, was seither passiert ist. Der FC Basel wurde inzwischen nicht mehr Meister, der Nimbus der Unbesiegbaren war im Nu weg, die Anziehungskraft für hochklassige Spieler rasch geschwunden. Der FC Basel gehört nach wie vor zur Spitze in der Schweiz und doch ist ein erheblicher Teil der Fans nicht mehr bereit, die Führung mitzutragen (ich denke, das liegt explizit an der Führung und weniger am Sparkonzept). In den letzten Wochen schien der Baum lichterloh zu brennen. Burgener ging nun in die Medienoffensive, was ihm zugute zu halten ist. Es war die richtige Massnahme zum jetzigen Zeitpunkt. Die Halbswertszeit dieser Beruhigungspille wird jedoch kurz sein. Denn nun hat der Wasserkopf auch noch Corona.

 

Burgener fehlt eine kompetente Integrationsfigur

Burgener ist nicht der Typ für die grosse öffentliche Geste gegenüber den Fans. Man wird ihn wohl auch nie mit der Mannschaft beim Glacé schlecken sehen. Das muss man auch nicht, aber es scheint, es fehle ihm ein Partner, der den FCB mit Emotion und Kompetenz zu führen weiss. Die jetzige Führung hat das operative Geschäft bestimmt gut im Griff, der Verein hat aber momentan kein shiny face mehr, das Vertrauen geniesst, die Massen zuverlässig zu bewegen weiss und die Marke FCB integer repräsentiert. Es scheint, dass Burgener nun genau so eine Person an Bord holen müsste, die Goodwill bei der Fanszene geniesst und gleichzeitig für ihn den Sponsoringtanz bei den Geldgebern vollführen kann. Und nein, das kann nicht Karli Odermatt sein.

 

Für den versöhnlichen Schlusspunkt: Ein Shoutout an Martin Longstaff, einen Musiker aus Sunderland, der unter dem Namen „Lake Poets“ den grossartigen Intro-Song „Shipyards“ zur Serie „Sunderland til‘ I die“ beisteuert. Die Hymne auf die Werftarbeiter aus Sunderland, packt mich jedes Mal aufs Neue und vermag den Stolz, die Emotionalität aber auch die Verletzlichkeit von nennen wir es mal „Heimatliebe“ gut zu transportieren.  

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