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Wie die Chicago Bulls zum hottest shit in sports wurden

REVIEW - "THE LAST DANCE - FOLGEN 1-6

Im Corona-Sportlockdown gieren die Fans weltweit nach jedem Stück an frischem Sport-Content. Da kommt die Edel-Doku über die Chicago Bulls in ihren haydays gerade recht (deren Ausstrahlung wegen Corona übrigens von Juni in den April vorgezogen wurde). Entsprechend geht die Doku seit der ersten Episode steil durch die Decke. Netflix schaltet jeden Montagmorgen (MEZ, 9 Uhr, wenn ich mich nicht täusche) zwei neue Folgen des zehnteiligen Werkes auf. Hier ein Review der Folgen 1-6. Folgen 7 und 8 werden am kommenden Montag, 11. Mai 2020, und das Finale in der darauffolgenden Woche veröffentlicht.

 

Lohnt es sich? Unbedingt!

 

Einer der wenigen Momente, der mir aus meiner Kindheit noch sehr präsent ist, war der Augenblick als es mir 1992 als siebenjährigem Lauch in den Türkei-Ferien auf einer Ausfahrt mit meinen Eltern im offenen Fahrzeug mein Chicago Bulls-Cap auf Nimmerwiedersehen davonwehte. Ich verfiel daraufhin in eine ca. dreitägige tiefe Trauerphase, die meine Eltern ratlos zurückliess. Bulls-Fangear war Anfang der 90er das, was bei jungen Sportfans in den letzten Jahren das Messi- oder Ronaldo-Trikot (haters gonna hate) war, schlicht the hottest shit in sports. Damals war die Welt noch nicht so vernetzt wie heute und dass ein milchgesichtiger Schweizer aus der Kleinstadt wie ich, mit all seinen Kumpels mit einem Team von der anderen Seite der Welt mitfiebert, dazu in einer Sportart, die im eigenen Land ein Nischendasein fristet, dazu braucht es doch mehr als nur gutes Ball in Korb.

 

Konflikt mit dem Management bildet den roten Faden

 

In der Doku-Serie geht es obviously um den Erfolg der Bulls und insbesondere um Michael Jordan und dessen Aufstieg zur weltweiten Ikone. Das Management von Jordan ist in die Produktion des US-Sportsenders ESPN involviert. Es kam deswegen teilweise die Kritik auf, dass die Serie deshalb sicher keinen Dreck ans Tageslicht bringt. Macht es das weniger interessant? Ich finde nein. Erstens wurde Jordan als weltweiter Superstar bereits durchleuchtet wie kaum ein anderer Sportler. Der Mann hielt sich für heutige Verhältnisse ausserordentlich skandalfrei und behielt dabei stets sein Rückgrat. Und die Kratzer an der Oberfläche kommen in jeder Folge durchaus zum Vorschein. Jordan war und ist sicher kein einfacher Mensch, verbissener Sportler durch und durch, er wäre bestimmt auch ein toller Drill Seargent geworden. Spielsucht ist ein Thema, Rivalitäten und der stets schwelende Konflikt mit dem Bulls-Geschäftsführer Jerry Krause. Er ist der eigentliche Buhmann der Serie. Die Konflikte zwischen Krause, Jordan, Pippen und Jackson bilden denn neben den sportlichen Erfolgen auch so etwas wie den roten Faden der Serie. Anzumerken ist, dass Krause 2017 verstarb und sich in der Doku folglich nicht mehr aktuell äussern konnte. Die Doku umfasst aber zahlreiche Interviewschnippsel von ihm. Es scheint als hätte man sich in der Organisation gegenseitig den Erfolg geneidet, beidseits wurde scharf geschossen und agitiert. Schon erstaunlich, sass man doch gemeinsam im grössten Erfolgsdampfer der Welt. Eine Stärke der Doku ist, dass sie nahezu alle Key-Player der Bulls von damals wieder vor der Kamera versammelt: Jordan, Pippen, Rodman, Kerr, Kukoc. Dazu Stars wie Kobe Bryant, «Magic» Johnson, Larry Bird, Karl Malone und viele weitere aus dem «Who is who» der NBA. Es gibt jede Menge interessante Side-Storys.

 

Die Kehrseite der Medaille

 

Was mich bei Superstars – ob im Sport oder anderswo – immer aufs Neue fasziniert ist, wie stark die Personen mit ihrer privilegierten Situation hadern. Sie verdienen Millionen, werden weltweit geliebt (und gehasst), sind dabei aber oft sehr unwohl bis tieftraurig in ihrer Haut: «Viele Menschen möchten einen Tag lang oder eine Woche Michael Jordan sein, aber sie verstehen nicht, dass das keinen Spass macht», bringt es Jordan in der Doku auf den Punkt. Natürlich ist er für ein Leben lang saniert; würde ich mit demselben Outcome, diesen Pressure auf mich nehmen? Klar doch, rufe ich vom Zuschauerrang! Der Mensch funktioniert aber nicht in der Nachbetrachtung, sondern im Moment (oder er hängt den Traumate der Vergangenheit an) und der Druck im Rampenlicht ist brutal, teilweise sprichwörtlich unmenschlich. Mensch sein wird von der Öffentlichkeit nicht mehr zugestanden, die Erwartung an eine Superstar-Maschine ist Woche für Woche Perfektion abzuliefern. Daran nicht zu zerbrechen, hierbei trennt sich die Spreu vom Weizen. So war es wohl auch bei Jordan im Kern seine unfassbare mentale Stärke gepaart mit einem unbändigen Ehrgeiz und dem typischen «nicht verlieren können», die den Schlüssel zu seinem Erfolg bildete. Jordan geht in der Doku offen mit seinen Flaws um wie ich finde und auch Dennis Rodman, der mir bisher ausschliesslich als Karikatur ein Begriff war, zu der ich nur wenig Zugang fand, wird greifbar. Ein Freigeist der seinen Freiheitsdrang und seine Verbundenheit zum Spiel und seinen Teamkollegen irgendwie unter einen Hut zu bringen versuchte. So komisch das tönt, war sein Ersuchen um Ferien beim Coach während einer laufenden Saison und seine verspätete aber motivierte Rückkehr einer der berührendsten Momente bisher.

 

Amalgam des 90er-Zeitgeistes

 

Die Serie vermag es hervorragend, den Geist der 90er einzufangen. Angefangen beim Soundtrack, der Spot On ist (hier ein Artikel dazu von Vice inkl. Link zum Soundtrack auf Spotify, ganz unten im Artikel) über den Aufstieg von Nike und Sneakers im allgemeinen in die Jugendkultur mit bekanntlich modischen Nachwirkungen bis heute. Dazu der Culture Clash zwischen den USA und Europa, der in einer schönen Episode rund um die Teilnahme des US-Dream Teams an den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 thematisiert wird (inkl. des kroatischen Nationalteams, das aus einem kriegsgeschüttelten Land anreiste und vom frisch zu den Bulls getradeten Tony Kukoc angeführt wurde, der in dieser Zeit privat und sportlich mit voller Wucht mit einer neuen Lebensrealität konfrontiert wurde.   

 

Porträtierte Personen, die meisten mit Interviewparts:
Michael Jordan, Scottie Pippen, Dennis Rodman, Horace Grant, Steve Kerr, Tony Kukoc, Phil Jackson, Kobe Bryant, Larry Bird, «Magic» Johnson, Michael Jordans Mutter, div. Sportjournalisten u.v.m.

 

Heimliche Stars: Scottie Pippens Stimme, der NBA-Dresscode und Zigarren

 

Sonst noch so mit dabei (notable appearances): Carmen Electra, Barack Obama, Bill Clinton, Jerry Seinfeld, Spike Lee and many more.  

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